Über Paul Dohrmann Über die Schule Kleine Schulgeschichte

Paul Dohrmann: Zur frage des leselernens, Die Schule, Heft 12/46, S. 17

Gestützt auf den alten idealismus der lehrerschaft wird nun im regierungsbezirk Hannover versucht, ab ostern 1947 in einer größeren anzahl von beispielsklassen die umstellung vorzunehmen. Die dabei zur anwendung kommende umgebaute methode ist in jahrelangen einzelversuchen erprobt und hat sich selbst unter den schwierigsten verhältnissen an hilfsschulklassen bewährt.

Rein äußerlich unterscheidet sie sich schon in der ersten stunde von dem bisherig gange. Wir gehen nicht von einem satze aus, sondern folgen der sprachlichen entwicklungslinie des kindes, die mit den dingwörtem beginnt und über die zeit und eigenschaftswörter zu den verhältniswörtern fortschreitet. Im ganzen werden 66 dingwörter (unter ihnen 6 kindernamen) geboten und erlernt. Das geschieht in einfacher weise­:

Die ersten wörter sind ei und hase. Auf einem blatt von 30 x 20 cm größe ist in der oberen hälfte ein ei bzw. ein hase aufgezeichnet. Im rahmen des gesamtunterrichtes werden diese beiden begriffe besprochen und sprachlich festgelegt. Zeig ei! Zeig hase! Was ist dieses? Was ist jenes?

Unter diese bilder sind nun die wörter ei bzw. hase in antiqua (groß und kleinbuchstaben) gedruckt. Es wird den kindern kurz gesagt: man kann den hasen nicht nur malen und rufen (sprechen), man kann ihn auch drucken. Was das drucken ist, wird selbstverständlich nicht erläutert. Ein hinweis auf die zeitung, die vater liest, oder auf die schilder an den läden genügt. Und dann „lesen" wir. Es wird ietzt nicht mehr auf die bilder, sondern auf die gedruckten wörter gezeigt. Das eine wort heißt ei, weil es unter dem bild des eies steht, und das andere dementsprechend hase. Das ist furchtbar einfach!

Etwas schwieriger wird es aber schon in der nächsten stunde. Die beiden bildblätter bleiben nach wie vor an der wand hängen. Aber jetzt holen wir unsere lesetafeln hervor. Das sind einfache kartons von der halben größe der bildtafeln, auf denen das wort ei biw. hase gedruckt ist. Die bilder fehlen. Wer kann das lesen? Sehr viele haben die sache sofort heraus. Trotzdem halten wir diese lesetafeln erst unter die bildtafeln an der wand und vergleichen: sieht das genau so aus? Paßt es unter ei oder unter hase? Also wie heißt es?

Kleine unterrichtsspiele werden eingeschaltet. Wir verstecken das ei (d. h. die lesetafel) in der fensterbank, den hasen auf dem papierkasten. Wer findet das ei? Wer fängt den hasen? Zum schluß stellt sich ein kind mit dem rücken gegen die bildtafeln und liest "abstrakt". Es darf sich natürlich umdrehen und nachsehen" falls es das wort vergessen hat. Das macht viel spaß, und jedes will zeigen, daß es auch schon lesen kann. Überhaupt ist das lesen furchtbar leicht. Mit dieser überzeugung geht das kind nach hause.
Es ist natürlich herzlich wenig, diese beiden wörter, und doch ist ein großer schritt getan: das kind weiß, was lesen ist. Dieses große ahaerlebnis, das sonst erst nach wochen auftritt, steht hier am anfang, und was das bedeutet, kann nur der richtig beurteilen, der in diesem stadium eine klasse gesehen hat. Es herrscht eine begeisterung und freude, ein bewußtsein des könnens und der eigenen kraft, die über sehr viele schwierigkeiten hinweghilft. Die kinder können nicht abwarten, bis neue wörter an die reihe kommen, und der unterricht geht ihnen viel zu langsam vorwärts.

Wir dürfen nun aber nicht etwa annehmen, daß das kind die beiden wörter ei und hase genau so sieht wie wir, d. h. in allen einzelheiten ihrer verschiedenartigen buchstabenformen. Es kennt ja die buchstabenformen noch nicht, sondern soll das rein optische zergliedern der wortbilder und das unterscheiden und erkennen der buchstabenformen auf dieser stufe erst erlernen. So sieht das kind in den beiden wortbildern zunächst nur ein undeutliches gewirr von zeichen und strichen, das bei ei kurz und bei hase lang ist. Auf grund dieses unterscheidungsmerkmales kurz lang erkennt das kind die beiden wörter und "liest" sie.

 

 

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